3 Gesundheit und Schule
Einführung
In diesem Kapitel lernen Sie eine zentrale Voraussetzung für gelingende Lernprozesse an Schulen kennen: die Gesundheit ihrer zentralen Akteursgruppen, also Schüler*innen & Lehrkräfte. Sie erfahren, dass das schulische Umfeld Risiken, aber auch Chancen für die gesundheitliche Entwicklung bereitstellen kann. Schule selbst muss als ein zentraler Ort der Gesundheitsförderung verstanden und gestaltet werden, um (gesundheitliches) Wellbeing zu stärken und Chancengleichheit für den Bildungserfolg anzunähern. Dazu benötigt es auch Anregungen dazu, wie Schulen ein solches gesundheitsförderliches Umfeld bereitstellen können. Das Kapitel ist wie folgt aufgebaut: Zunächst werden theoretische Grundlagen für die Entstehung von Gesundheit und Krankheit sowie das Konzept von „Health Literacy“ beschrieben. Im Anschluss werden Einflüsse des Schulkontextes auf die Gesundheit von Schüler*innen und Lehrkräften diskutiert. Dies wird mit Maßnahmen und Projekten zur Gesundheitsförderung angereichert. Zudem wird ein Überblick über die Gesundheitssituation von Lehrkräften an deutschen Schulen gegeben.
Zusammenhang von Gesundheit und Bildung
Für den Schulkontext ist die Gesundheit besonders relevant, da Bildung und Gesundheit in einem wechselseitigen Zusammenhang stehen. Das bedeutet, dass sie sich gegenseitig beeinflussen. Zum einen sind besser gebildete Menschen im Durchschnitt auch gesünder (Easterbrook et al., 2016). Sie haben ein höheres Gesundheitswissen, verhalten sich gesundheitsbewusster und haben mehr Möglichkeiten der sozialen Unterstützung. Zum anderen ist Gesundheit eine grundlegende Voraussetzung dafür, Leistungen erbringen zu können und überhaupt handlungsfähig zu sein (Doré & Clar, 1997). Das gilt natürlich auch für schulische Lernprozesse – und damit für alle Akteur*innen in diesem Umfeld (Schüler*innen, Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter*innen, Lernbegleiter*innen, pädagogische Mitarbeitende usw.). Gesundheit ist Bedingung für gelingendes Zusammenarbeiten.
Gesundheit nach dem systemischen Anforderungs-Ressourcen Modell (SAR-Modell) Es gibt verschiedene Theoriemodelle, die den Gesundheitszustand von Individuen beschreiben und erklären. Ein bekanntes und oft rezipiertes Modell ist das systemische Anforderungs-Ressourcen-Modell (SAR-Modell) vom Psychologen Peter Becker (Becker, 2003; 2006). Eine wichtige Grundannahme des SAR-Modells ist, dass Gesundheit und Krankheit keine absoluten Zustände sind, die entweder vorliegen oder nicht vorliegen. Menschen sind in aller Regel nicht zu 100 % gesund oder zu 100 % krank. Ihr Zustand liegt irgendwo dazwischen. Dieser Zwischenraum bildet das sog. Gesundheit-Krankheit-Kontinuum (Antonovsky, 1979), wobei sowohl körperliche als auch seelische Gesundheit berücksichtigt werden. Jedes Individuum nimmt darauf eine bestimmte Position ein. Die Position ist dynamisch und verändert sich fortlaufend. Sie ist davon abhängig, wie gut es dem Individuum gelingt, die sich stellenden Anforderungen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu bewältigen (siehe Grafik). Anforderungenumfassen dabei die Aufgaben oder Bedingungen, mit denen sich das Individuum im alltäglichen Leben auseinandersetzen muss (Nieskens, 2012). Ressourcen wiederum sind alle Kräfte und Fähigkeiten, welche es zu deren Bewältigung einsetzen kann. Anforderungen wie Ressourcen können sowohl aus der Umwelt als auch aus dem Individuum selbst stammen (Blümel, 2024).

Quelle: Becker, 2003
Interne Anforderungen beziehen sich allen voran auf Bedürfnisse des Individuums. Neben biologisch-existenziellen Grundbedürfnissen (Schlaf, Nahrung, Bewegung, Sexualität) zählen dazu auch psychosoziale Bedürfnisse. Das sind z. B. die Bedürfnisse nach Bindung und Zugehörigkeit, Kontrolle und Sicherheit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung oder die Erkundung von Selbst und Umwelt (Blümel, 2024). Bei Kindern und Jugendlichen kommen auch die Bewältigung von zentralen Entwicklungsaufgaben hinzu. Neben Bedürfnissen spielen aber auch Emotionen, Erwartungen, Ansprüche und selbst gesteckte Ziele eine Rolle. Im Schulkontext könnten interne Anforderungen daher ganz unterschiedliche Dinge umfassen. Für Schüler*innen könnten dies z. B. sein:
- eine gelungene Einbindung in die Klassengemeinschaft
- den Aufbau von Freundschaften
- eigene Leistungsansprüche in der Schule
- Zukunftsängste
- das Sammeln eigenständiger Erfahrungen
- Lerninhalte als für sich sinnvoll zu begreifen
Externe Anforderungen werden von der Umwelt an das Individuum herangetragen. Dazu zählen u. a. gesellschaftliche Erwartungen, soziale Normen und Werte oder auch räumlich-physikalische Bedingungen. Ein Beispiel für externe Anforderungen von Kindern und Jugendlichen sind die Rollenanforderungen der Schüler*innenrolle. Es wird von ihnen erwartet, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, Arbeitsaufträge umzusetzen, sich aktiv am Unterrichtsgespräch zu beteiligen u. v. m. Auch konkrete Leistungserwartungen, die von Lehrkräften, Eltern oder anderen Personen an das Kind gerichtet werden, zählen für Heranwachsende zu den externen Anforderungen im Schulkontext. Tests und Klausuren sollen oft nicht nur bestanden, sondern mit möglichst guten Noten gemeistert werden. Und auch Konflikte mit Mitschüler*innen oder Lehrkräften sowie physikalische Rahmenbedingungen wie der Lautstärkepegel im Klassenraum zählen zu den äußeren Anforderungen.
Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf das gleiche Ausmaß an Anforderungen. Insbesondere hängt die Reaktion davon ab, welche Ressourcen bzw. Schutzfaktoren den Individuen (also hier den Schüler*innen) zur Verfügung stehen, um mit den Belastungen umzugehen. Zu den internen Ressourcen zählen die Voraussetzungen, die sie für die erfolgreiche Bewältigung der sich ihnen stellenden Anforderungen mitbringen. Dazu können Personeneigenschaften, Fähigkeiten, Überzeugungen oder auch biologisch-körperliche Merkmale beitragen. Ein Beispiel dafür ist die Selbstwirksamkeit, ein Konzept aus der Handlungstheorie Albert Banduras (1986). Sie beschreibt das Zutrauen einer Person in sich selbst, Aufgaben und Herausforderungen bewältigen zu können. Dahinter steht die innere Überzeugung, eine Lage mit eigenen Mitteln (zum Positiven) verändern zu können. Je stärker Menschen Zutrauen darin haben, dass sie mit ihren Handlungen etwas bewirken können, desto geringer ist ihre Anfälligkeit für psychische Erkrankungen (Maurer et al., 2023).
Weitere Beispiele für interne Ressourcen, die auf Schüler*innen, Lehrkräfte und andere Akteursgruppen in der Schule anwendbar sind, sind u. a. (siehe dazu auch Rönnau-Böse et al., 2022):
- ein positives Selbstkonzept (= die kognitive Wahrnehmung einer Person von sich selbst) bzw. ein positives Selbstwertgefühl
- eine gute Selbstregulation (= die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Verhalten zu steuern und an eine Situation anzupassen, um persönliche Ziele zu erreichen)
- eine realistisch-optimistische Lebenshaltung
- Kreativität
- Problemlösungsfähigkeiten
- Körperliche Fitness, Belastbarkeit
- ein widerstandsfähiges Immunsystem
Externe Ressourcen umfassen Unterstützungsmöglichkeiten aus der Umwelt, die für die jeweiligen Anforderungen hilfreich sein können. Neben materiellen Ressourcen (z. B. verfügbares Haushaltseinkommen, Wohnbedingungen etc.) und ökologischen Ressourcen (z. B. natürliche Erholungsräume, eine saubere und intakte Umwelt) zählen dazu vor allem auch soziale Ressourcen wie bspw. die soziale Unterstützung von wichtigen Bezugspersonen (v. a. Familie und Freunde). Hier sprechen Soziologen wie James S. Coleman (1988) oder Pierre Bourdieu (1983) vom sog. sozialen Kapital. Beispielsweise entwickeln Kinder weniger häufig psychische Auffälligkeiten, wenn sie durch ihr Umfeld soziale Unterstützung erhalten, Liebe, Zuneigung und ein positives Familienklima spüren sowie eine ihnen zugewandte Erziehung erfahren. (Klasen et al., 2017; Maurer et al., 2023).
Kommentar
Die Institution Schule kann Schüler*innen zusätzliche soziale Ressourcen durch entsprechendes Handeln der Lehrkräfte bereitstellen – und damit ihre Gesundheit stärken. Dies ist z. B. möglich durch:
- Zusammenarbeit mit dem Elternhaus und anderen sozialen Institutionen
- Klare, transparente und konsistente Regeln und Strukturen (Klassen- und Schulregeln)
- Wertschätzendes Klima (Wärme, Respekt und Akzeptanz gegenüber dem Kind)
- Positive Verstärkung der Leistungen und Anstrengungsbereitschaft des Kindes
- Gestaltungsräume für positive Peerkontakte und Freundschaftsbeziehungen
Interne und externe Ressourcen bilden zusammen die protektiven Faktoren bzw. Schutzfaktoren für das Individuum.
Entscheidend für die Gesundheit ist nun das Bewältigungsverhalten des Individuums. Das ergibt sich aus dem Zusammenspiel aus Anforderungen und Ressourcen und deren subjektiven Bewertung – also der Frage, inwieweit die verschiedenen internen und externen Anforderungen auch als persönlich belastend bzw. stressig empfunden werden. Solch ein Bewertungselement findet sich z. B. auch im sog. transaktionalen Stressmodell wieder (Lazarus & Folkmann 1984). Bewertungen hängen u. a. von persönlichen Merkmalen wie Glaubenssätzen, Vorerfahrungen und Traumata oder der Empfindlichkeit für negative Gefühle wie Angst, Frust oder Wut ab. Diese Faktoren bilden zusammen die Vulnerabilität, also die Verletzlichkeit einer Person, ab. Vulnerable Personen sind weniger gut dazu in der Lage, die sich ihnen stellenden Anforderungen zu bewältigen. Das Gegenteil von Vulnerabilität ist Resilienz (oder auch: Widerstandsfähigkeit).
Am Ende steht nach dem SAR-Modell also eine Einschätzung, inwieweit die Belastungen mit den zur Verfügung stehenden schützenden Ressourcen abgefedert oder gar ganz verhindert werden können (Lenz & Kuhn, 2011). Hier gilt es, Anforderungen und Ressourcen bzw. Schutzfaktoren einigermaßen gleichmäßig auszutarieren. Pathogene (also: krankheitsfördernde) Strukturen entstehen insbesondere dann, wenn sich über einen längeren Zeitraum ein deutliches Ungleichgewicht ergibt. Übersteigen die wahrgenommenen Belastungen die eigenen Ressourcen spürbar, verfestigt sich ein Gefühl von Überforderung, was mit negativen Emotionen, einem schlechteren Gesundheitsverhalten und biologischen Stressreaktionen einhergeht. Auf diese Weise können somatoforme Störungen entstehen. Letztere bezeichnen körperliche Beschwerden, für die sich keine ausreichende organische Erklärung finden lassen (z. B. Erschöpfung, Schwindel, Übelkeit, Konzentrationsprobleme, Verdauungsprobleme, Kopf- und Gliederschmerzen etc.).

Quelle: Eigene Darstellung
Gleichzeitig sollte auch keine Schieflage der Waage in die andere Richtung auftreten: Werden z. B. Kinder wenig bis gar nicht gefordert, ist dies ebenfalls nicht förderlich für ihren Entwicklungsverlauf. Allerdings weisen Lenz und Kuhn (2011) darauf hin, dass nicht jede Dysbalance von Belastungen und Ressourcen schädlich ist. Kurzfristig und in einem geringen Ausmaß kann dies die eigene Widerstandsfähigkeit sogar stärken! Und zwar dann, wenn dabei positive Erfahrungen der Bewältigung gesammelt werden, die für zukünftige Stresssituationen hilfreich sein können.
Exkurs: Boreout-Syndrom und Underachiever im Schulbereich
Ein Extrembeispiel für zu niedrige Anforderungen bei gleichzeitig stark ausgeprägten Ressourcen ist das sogenannte Boreout-Syndrom. Das beschreibt praktisch das gegensätzliche Phänomen zum Burnout. Aufgrund von anhaltender Unterforderung entstehen Frust und Demotivation, was über einen längeren Zeitraum schließlich zum Auftreten diverser körperlicher Symptome (z. B. Kopf- und Bauchschmerzen) führt. Der Effekt wurde bislang überwiegend im beruflichen Kontext diskutiert. Doch auch im Schulbereich kann eine solche Dynamik entstehen, wenn sich z. B. hochbegabte Kinder von Schulaufgaben unterfordert fühlen. Da sie Zusammenhänge schneller begreifen und weniger Erklärungen benötigen, können Wiederholungen, Übungsphasen und das allgemeine Lerntempo für sie störend sein. Dies kann zu Langeweile und Frustration führen. Die Kinder werden möglicherweise unaufmerksam und lustlos, verweigern aktiv Aufgaben oder stören den Unterricht. In einigen Fällen gehen damit auch massive Leistungseinbußen einher, trotz der eigentlich stark überdurchschnittlichen Fähigkeiten. Diese Fälle, in denen die tatsächlich gezeigten Leistungen sehr weit hinter das eigentliche kognitive Potenzial zurückfallen, werden als „Underachiever“ bezeichnet und betreffen etwa 12 % der Hochbegabten. Underachiever haben häufig mit Selbstwertproblemen und sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen (Rost, 2007).
Health Literacy von Kindern
Als eine wichtige personale Ressource zur Stärkung der Gesundheit gilt die sog. Health Literacy bzw. Gesundheitskompetenz. Sie soll im Folgenden noch einmal gesondert aufgegriffen werden. Eine Definition für Health Literacy bzw. Gesundheitskompetenz gibt das European Health Literacy Consortium:
„Gesundheitskompetenz basiert auf allgemeiner Literalität und umfasst das Wissen, die Motivation und die Fähigkeiten von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen in unterschiedlicher Form zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag in den Bereichen der Krankheitsbewältigung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung Urteile fällen und Entscheidungen treffen zu können, die ihre Lebensqualität während des gesamten Lebensverlaufs erhalten oder verbessern.“ (Sørensen et al., 2012)
Konkret umfasst Gesundheitskompetenz also alltagsnahes und praktisches Handlungswissen zum Umgang mit dem eigenen Körper, mit Gesundheit und Krankheit sowie mit den Lebensbedingungen, die auf die Gesundheit einwirken. Es bedeutet, einordnen zu können, was gut und gesund für sich selbst und für andere ist, wie sich die Gesundheit verbessern lässt und an wen man sich wenden kann, um Hilfe bzw. Unterstützung zu bekommen. Mit Gesundheitskompetenz lassen sich informierte Entscheidungen treffen, die vorteilhaft für die eigene Gesundheit sind (Jordan, 2023).
Exkurs: Name fehlt
Denken Sie einmal an die COVID-19-Pandemie zurück. Wie sah Gesundheitskompetenz zu dieser spezifischen Pandemie konkret aus?Damals war es auf gesellschaftlichen Druck hin für alle Menschen in kürzester Zeit erforderlich, den Umgang mit Atemschutzmasken zu erlernen, Hygieneregeln, Lüftungszyklen, Abstandsregelungen und die Anwendung von Tests und Schnelltests einzuüben und praktisches Wissen über Tröpfcheninfektionen zu erwerben. All diese Fähigkeiten und das gesammelte Wissen über Prä- und Intervention zur Viruserkrankung bilden zusammen die Gesundheitskompetenz von Individuen zu dieser spezifischen Pandemiesituation.
Gesundheitskompetenz kann sehr spezifisch sein, in Hinblick auf dem Umgang mit bestimmten Erkrankungen. Sie ist aber auch gleichzeitig sehr allgemein, wenn sie grundlegende Kompetenzen zur Gesundheitspflege bzw. -förderung umfasst (Jordan, 2023). Allgemeine Kompetenzen sind (u. a.):
- Ernährungs- und Bewegungsverhalten
- (angemessene) Interpretation von Körpersignalen und die Reaktion darauf
- Digital Health (die Nutzung von digitalen Tools und Angeboten zur Gesundheitsförderung)
- Umgang mit Gesundheitsinformationen aus Social Media und dem Internet im Allgemeinen
- Erkennen von gezielten und ungezielten Falschinformationen zum Thema Gesundheit
- Verstehen von medizinischen Erläuterungen von Fachärzten
- Zurechtfinden im Gesundheitssystem.
Exkurs: Name fehlt
Die Frage, warum Gesundheitskompetenz überhaupt für uns relevant ist, wird von der Stiftung Gesundheitswissen in einem kurzen YouTube-Video (1:50) aufgegriffen:
In einem weiteren Beitrag greift die Stiftung die Frage auf, wie man in der (digitalen) Informationsflut vertrauenswürdige Informationen zum Thema Ernährung erhalten kann. Dort werden auch seriöse Informationsquellen zu den Bereichen Ernährung geteilt sowie Wissen vermittelt, wie sich richtige von falschen Informationen unterscheiden lassen. Dies ist ein schönes Beispiel für Gesundheitswissen, das sich zum einen auf praktisches Handlungswissen (Was ist gesund und was nicht?), zum anderen auf digitale Recherchekompetenzen (Wie unterscheide ich seriöse Informationen von unseriösen?) bezieht.
In den letzten Jahren wurde versucht, die Gesundheitskompetenz von verschiedenen Gruppen statistisch zu messen. Hier zeigt sich, dass die Gesundheitskompetenz von Jugendlichen in Deutschland sehr gering ausgeprägt ist. Im Vergleich mit neun anderen europäischen Ländern (Belgien, England, Estland, Finnland, Mazedonien, Österreich, Polen, Slowakei, Tschechien) belegte Deutschland in Hinblick auf das durchschnittliche Level an Gesundheitskompetenz den letzten Platz (Paakkari et al., 2020). Gesundheitskompetenz steht hierzulande erst seit einigen Jahren auf der bildungspolitischen Agenda. Entsprechende Maßnahmen und Programme sind daher noch relativ neu. Tatsächlich konnte Health Literacy in den letzten Jahren zumindest unter jüngeren Kindern deutlich verbessert werden, während bei Jugendlichen kaum Veränderungen messbar waren.
Im Übrigen hängt die Gesundheitskompetenz, wie auch die Gesundheit selbst, mit der sozialen Herkunft zusammen: bei Personen mit besserer Bildung, höherem Einkommen, und höherem Sozialstatus ist sie im Durchschnitt stärker ausgeprägt (Jordan, 2023). Um derlei strukturelle Ungleichheiten auszugleichen und die allgemeine Gesundheitskompetenz zu verbessern wurde ein Nationaler Aktionsplan (NAP) ins Leben gerufen (Schaeffer et al., 2018). Dieser hat insgesamt 15 Empfehlungen formuliert. Die erste davon fordert, „das Erziehungs- und Bildungssystem in die Lage [zu] versetzen, die Förderung von Gesundheitskompetenz so früh wie möglich im Lebenslauf zu beginnen“.
Kommentar
Schulen werden hier also in die Pflicht genommen, Gesundheitskompetenz in die Lehrpläne aufzunehmen oder Gesundheit langfristig sogar als eigenes Schulfach zu etablieren. Auch Projektwochen und die gezielte Weiterbildung schulischer Mitarbeiter in diesem Bereich sind mögliche Ansatzpunkte. Bislang gibt es allerdings noch immer keinen verbindlichen Lehrplan für die Gesundheitserziehung und Gesundheit ist weiterhin kein Pflichtthema. Bisweilen ist sie aber zumindest Querschnittsthema und findet sich in unterschiedlichen Schulfächern wieder. Themenbeispiele dafür sind u. a.:
- gesunde Ernährung
- Suchtprävention
- Mundgesundheit
- Verkehrserziehung
- körperliche Aktivität
- Sexualerziehung
- Mobbing
Exkurs: Ein Praxisbeispiel zur Förderung von Health Literacy an Schulen
„ScienceKids: Gesundheit entdecken“
„ScienceKids: Gesundheit entdecken“ setzt konsequent auf Selbermachen und Ausprobieren. Als fundiertes, modular aufgebautes Lehrangebot zur handlungsorientierten Gesundheitsbildung richtet sich das Programm an Schüler der Klassen 1 bis 10 aller Schularten in Baden-Württemberg. Bei ScienceKids dürfen Schüler durch eigenes Erleben selbst Antworten auf Fragen im Zusammenhang mit Ernährung, Bewegung und seelischem Wohlbefinden finden, verstehen sowie umsetzen, wie beispielsweise Lebensmittel selbst herstellen und genießen. Die Lehr- und Lernmaterialien sind lassen sich unter anderem in unterschiedlichen Schulfächern des Regelunterrichts oder bei der Gestaltung von Projekttagen einsetzen. Das Programm startete 2006 und wird in rund 1.000 Schulen in Baden-Württemberg eingesetzt. Die Evaluationen belegen unter anderem einen signifikant messbaren Wissenszuwachs der Schüler hinsichtlich ihres Ernährungs- und Bewegungsverhaltens sowie zum Thema Gesundheit.
Ein Unterrichtsbeispiel aus dem Programm Science Kids:
„Schätze den Kaloriengehalt“ (vorgesehen für SuS der Sekundarstufe)
Auf dem Pult werden Schälchen mit je 100 Gramm Nudeln, Reis, Würstchen, Kartoffeln, Eier und Butter platziert. Die Schüler ordnen anhand von Kärtchen den Lebensmitteln den entsprechenden Nahrungsbausteine (Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate) zu. Im nächsten Schritt schätzen sie den Kaloriengehalt der Lebensmittel. Als Hilfestellung dient eine Folie Kaloriengrundumsatz Jugendliche. Ihre Ergebnisse halten die Schüler auf dem Arbeitsblatt fest. Ohne die Hilfestellung wäre es den Schülern sehr schwer gefallen den Kaloriengehalt zu schätzen, da ihnen eine Richtgröße gefehlt hat. Des Weiteren war ihnen auch nicht klar, wie viele Kalorien sie pro Tag brauchen, um aktiv sein zu können. Die verschiedenen Nahrungsbausteine waren ihnen nicht bekannt, so dass diese in den vorherigen Stunden erst einmal eingeführt werden mussten.
Quelle: https://www.sciencekids.de/sekundarstufe/unterrichtsbeispiele
Fragen zur Prüfungsvorbereitung:
- Nennen Sie Beispiele für interne und externe Anforderungen von Schüler*innen nach dem SAR-Modell.
- Nennen Sie Beispiele für interne und externe Ressourcen von Schüler*innen nach dem SAR-Modell.
- Wovon hängt der Gesundheitszustand eines Individuums nach dem SAR-Modell ab?
- Beschreiben Sie, was unter Health Literacy bzw. Gesundheitskompetenz verstanden wird.
- Wie steht es um die Gesundheitskompetenz in Deutschland? Welche Gruppen sind weniger kompetent, welche mehr?
Literatur
Antonovsky, A. (1979). Health, Stress and Coping. San Francisco: Jossey-Bass.
Bandura, A. (1986). Social foundations of thought and action: A social cognitive theory. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice Hall.
Becker, P. (2003). Anforderungs-Ressourcen-Modell in der Gesundheitsförderung. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung (S. 13–15). Schwabenheim a. d. Selz: Fachverlag Peter Sabo.
Becker, P. (2006). Gesundheit durch Bedürfnisbefriedigung. Göttingen: Hogrefe.
Blümel, S. (2024). Systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell in der Gesundheitsförderung. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i121-3.0
Bourdieu, P. (1983). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, R. (Hrsg.), Soziale Ungleichheiten (S. 183-198). Schwartz.
Coleman, J. S. (1988). Social Capital in the Creation of Human Capital. American Journal of Sociology, 94, Supplement: 95–120
Doré, J., & Clar, C. (1997). Die Bedeutung von Humankapital. In C. Clar, J. Doré, & H. Mohr (Hrsg.), Humankapital und Wissen. Grundlagen einer nachhaltigen Entwicklung (S. 159–174). Wiesbaden: Springer VS.
Easterbrook, M. J., Kuppens, T., & Manstead, A. S. R. (2016). The education effect: Higher educational
qualifications are robustly associated with beneficial personal and socio-political outcomes. Social Indicators Research, 126(3), 1261–1298. https://doi.org/10.1007/s11205-015-0946-1
Jordan, S. (2023). Gesundheitskompetenz/Health Literacy. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i065-3.0
Klasen, F., Meyrose, A.-K., Otto, C., Reiss, F., & Ravens-Sieberer, U. (2017). Psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse der BELLA-Studie. Monatsschrift Kinderheilkunde, 165(5), 1-6. https://doi.org/10.1007/s00112-017-0270-8
Lazarus, R. & Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal, and Coping. New York: Springer.
Lenz, A., & Kuhn, J. (2011). Was stärkt Kinder psychisch kranker Eltern und fördert ihre Entwicklung? Überblick über die Ergebnisse der Resilienz- und Copingforschung. In: Wiegand-Grefe, S. Mattejat, F., Lenz, A. (Hrsg.), Kinder mit psychisch kranken Eltern. Klinik und Forschung (S. 269-298). Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen. https://doi.org/10.25656/01:3540
Maurer, J., Meyrose, AK., Kaman, A., Mauz, E., Ravens-Sieberer, U., & Reiss, F. (2023). Socioeconomic Status, Protective Factors, and Mental Health Problems in Transition from Adolescence to Emerging Adulthood: Results of the Longitudinal BELLA Study. Child Psychiatry & Human Development. https://doi.org/10.1007/s10578-023-01582-1
Nieskens, B., Rupprecht, S., & Erbring, S. (2012). Was hält Lehrkräfte gesund? Ergebnisse der Gesundheitsforschung für Lehrkräfte und Schulen. In: DAK-Gesundheit & Unfallkasse NRW (Hrsg.), Handbuch Lehrergesundheit – Impulse für die Entwicklung guter gesunder Schulen (S. 41-96). Köln: Carl Link.
Paakkari, L., Torppa, M., Mazur, J., Boberova, Z., Sudeck, G., Kalman, M., & Paakkari, O. (2020). A Comparative Study on Adolescents‘ Health Literacy in Europe: Findings from the HBSC Study. International journal of environmental research and public health, 17(10), 3543. https://doi.org/10.3390/ijerph17103543
Rönnau-Böse, M., Fröhlich-Gildhoff, K., Bengel, J. & Lyssenko, L. (2022). Resilienz und Schutzfaktoren. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i101-2.0
Rost, D. H. (2007). Underachievement aus psychologischer und pädagogischer Sicht – Wie viele Underachiever gibt es tatsächlich? News & Science. Begabtenförderung und Begabungsforschung, 15, 8-9.
Schaeffer, D., Hurrelmann, K., Bauer, U., & Kolpatzik, K. (Hrsg.) (2018). Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. Berlin: KomPart 2018.
Sørensen, K., Van den Broucke, S., Fullam, J., Doyle G., Pelikan J. M., Slonska Z., Brand H., & HLS-EU Consortium (2012). Health literacy and public health: A systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health, 12, 80. https://doi.org/10.1186/1471-2458-12-80
Kommentar
Selbstwirksamkeit ist z. B. für Lehrkräfte eine besonders wichtige Ressource. Lehrer*innen werden im Arbeitsalltag immer wieder vor schwierige, belastende und unbekannte Aufgaben bzw. Anforderungen gestellt. Das kann vieles sein: z. B. der Umgang mit verhaltensauffälligen Schüler*innen, ein dauerhaft hohes Arbeitspensum, Probleme mit dem Kollegium u. v. m. Wenn Lehrkräfte in der Vergangenheit bereits schwierige Herausforderungen gemeistert haben, kann ihnen diese Erfahrung dabei helfen, neuen Herausforderungen gelassener bzw. optimistischer gegenüber zu stehen. Sie können sich daran erinnern, was ihnen damals bei der Bewältigung der Problemlage geholfen hat und diese Strategien ggf. erneut anwenden oder auf die neue Situation anpassen. Zumindest aber hilft bereits das Wissen, Belastungen nicht hilf- und wehrlos gegenüber zu stehen.