Hinweis
Die Kapitel enthalten Kommentare und Exkurse sowie Übungsaufgaben und Fragen zur Prüfungsvorbereitung.
- Mithilfe der Kommentare erläutern wir Ihnen die Fachinhalte und beziehen diese auf die Schulpraxis.
- Die Exkurse bieten wir Ihnen als optionale Vertiefung an.
- Die Übungsaufgaben bestehen aus unterschiedlichen Formaten: z. B. Single-Choice-Fragen, Zuordnungsaufgaben, Fallbeispiele, etc. Mit den Übungsaufgaben fokussieren wir auf zentrale Inhalte, um diese besser erarbeiten zu können.
- Die Fragen zur Prüfungsvorbereitungen helfen Ihnen, um die zentralen Inhalte für die Prüfung vorzubereiten.
Peers und Schule
Ausblick
In diesem Kapitel erhalten Sie einen Einblick, warum und wie Gleichaltrige enorm bedeutsam für die Entwicklung und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen sind. Sie lernen zunächst, Peer- und Freundschaftsbeziehungen von anderen Beziehungsformen abzugrenzen und verschiedene Typen von sozialen Orientierungsmustern zu unterscheiden. Im zweiten Unterkapitel wird anhand von ausgewählten Bereichen aufgezeigt, auf welch verschiedene Arten und Weisen Peerbeziehungen in den Schulbereich hineinwirken und diesen prägen. Es werden u. a. Einflüsse auf Einstellungen und Verhaltensweisen in der Schule sowie das soziale Wohlbefinden von Schüler*innen diskutiert. Zudem werden Dynamiken sozialer Aushandlungsprozesse in Gruppen- und Klassenkonstellationen diskutiert. Im dritten Teilkapitel werden schließlich Handlungsansätze im Rahmen von Peer Involvement beschrieben, die das gegenseitige soziale Lernen von Gleichaltrigen gezielt und effektiv nutzbar machen sollen. Dazu werden auch Beispiele aus der Praxis beschrieben.
Bedeutung von Freundschaftsbeziehungen und Peers
Soziale Beziehungen verändern sich im Laufe von Kindheit und Jugend. Bei Säuglingen und Kleinkindern liegen die sozialen Beziehungen noch sehr überwiegend im familialen Bereich. Erste informelle Kontakte zu anderen Kindern werden nach und nach in den ersten Lebensjahren hergestellt. Kinder lernen, sich und ihr Verhalten auf andere zu beziehen und Frustrationen auszuhalten. Spätestens mit dem Eintritt in institutionalisierte Betreuungs- oder Bildungseinrichtungen (Kita, Kindergarten, Grundschule) erschließen sich für Kinder dann ganz neue Beziehungskontexte. Dort sind sie i. d. R. in größeren Gruppen mit Kindern gleichen oder ähnlichen Alters organisiert. Kontakte zu anderen Kindern finden nun häufiger und vor allem regelmäßig statt. Zudem werden sie zunehmend tiefer und als Freundschaftsbeziehungen aktiv gestaltet (Brosch & Opp, 2011). Mit fortschreitendem Alter gewinnt die Gruppe der Gleichaltrigen weiter und weiter an Bedeutung für Entwicklungsprozesse, Identitätsbildung und die soziale Integration. Für Jugendliche bilden Gleichaltrige die zentrale Bezugsgruppe, auf die sie ihr alltägliches Handeln beziehen. In dieser Lebensphase sind sie der wichtigste Orientierungspunkt. In diesem Zusammenhang wird auch vom Peer-Einflüssen, Peerbeziehungen oder allgemein der Peer Group gesprochen
Definition „Peers“
Der Begriff „Peers“ wird in der Kindheit- und Jugendforschung sehr häufig aufgegriffen, ohne dass eine klare und einheitliche Begriffsbestimmung vorliegt. Das englische „peer“ bedeutet zunächst einmal „gleich“. Peers sind also Personen, die bestimmte Eigenschaften teilen. Gleichheit kann sich dabei auf folgende Dimensionen beziehen (Hoffmann, 2020):
- Alter
- Entwicklungsstand
- Interessen
- Sozialer Status, Stellung gegenüber einer Institution (z. B. der Schule)
Diese Gleichheit im Sinne einer Gleichrangigkeit macht die anderen Personen für das Individuum zu Ebenbürtigen in einer sozialen Interaktion. Sie sind gleichberechtigt, stehen gewissermaßen auf derselben Stufe. Das bedeutet nicht zwingend die gleiche Altersstufe. Schließlich entwickeln sich Kinder in unterschiedlichem Tempo. Wichtiger ist, dass die Kinder an einem ganz ähnlichen Punkt im Leben, d. h. vor ähnlichen altersspezifischen Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben stehen (Opp, 2018). Zu manchen Peers werden Beziehungen auf freiwilliger Basis vertieft, d. h. es werden Freundschaften geknüpft. Zu anderen Peers bestehen weniger enge, neutrale oder auch negative Beziehungen. Sie sind dann z. B. Mitschüler*innen, Mitspieler*innen in Sportvereinen usw. Auch wenn die Beziehungen zu diesen Peers auf einer persönlichen Ebene weniger eng sind als zu Freunden, müssen sich Heranwachsende in ihrem Handeln auf sie beziehen (Breidenstein, 2021). Peers sind ein fester Bestandteil der sozialen Umgebung von Kindern und Jugendlichen. Man kann sich ihrem Sozialisationseinfluss nicht entziehen.
Bedeutung von Peerbeziehungen
Für Kinder im Schulalter haben Peerbeziehungen und insbesondere Freundschaften eine sehr große Bedeutung. Im Alter von 6-11 Jahren geben nur zwei Prozent der Kinder an, gar keine Freunde zu haben. 85 % von ihnen haben mindestens vier Freunde (Hoffmann, 2020). Bis zur mittleren Adoleszenz (ca. 14-16 Jahre) nimmt die Anzahl an Freundschaften weiter zu. Auch die Einbindung in informelle Gruppen bzw. Cliquen wird nun immer häufiger. Ungefähr zwei Drittel der Jugendlichen sind in feste Cliquen eingebunden. Von den jungen Menschen zwischen 12 und 25 Jahren stimmten in der Shell-Jugendstudie 2019 97 % der Aussage zu, dass für sie „gute Freunde, die einen anerkennen und akzeptieren“, wichtig oder sehr wichtig sind (Albert et al., 2019). Auch erste feste Partnerschaften werden im Jugendalter relevant. Fanden in der Kindheit Unternehmungen noch zumeist mit der Familie statt, verlagert sich dies im Jugendalter zunehmend auf die Peers. Das ist Teil des allmählichen Abnabelungsprozesses vom Elternhaus (Brosch & Opp, 2011).
Die hohe Bedeutung von Peers für das Selbstbild, die Anerkennung und die soziale Eingebundenheit von Individuen setzt sich zumeist auch noch im jungen Erwachsenenalter fort (z. B. auch während eines Studiums). Danach nimmt der besondere Einfluss von Peers sukzessive ab. Bemerkenswert ist indes, dass die Häufigkeit, Freund*innen zu treffen, unter Kinder und Jugendlichen in den letzten zwanzig Jahren rückläufig ist – obwohl ihr wie oben beschriebenen eine so große Bedeutung beigemessen wird. Neben der Verlagerung von sozialen Interaktionen in digitale Formate liegt eine mögliche Interpretation darin, dass Jugendlichen die intensive Pflege weniger, dafür aber enger Freundschaften wichtiger sein könnte als das Aufspannen eines großen Freundschaftsnetzwerks.
Merkmale des Beziehungstyps Freundschaft
Kommentar:
Freundschaften, die lassen sich doch ganz leicht charakterisieren … oder?
Überlegen Sie einmal: Welche Merkmale weisen Freundschaftsbeziehungen von Kindern und Jugendlichen auf? Und inwieweit unterscheiden sie sich von den anderen Beziehungen, die Heranwachsende ausbilden (z. B. die zu Eltern oder Lehrkräften)?
Freundschafts- und Peerbeziehungen grenzen sich in verschiedenen Charakteristika von anderen Beziehungstypen (z. B. Eltern, Geschwister, weitere Familienmitglieder, Kindergärtner*innen, Lehrkräfte usw.) ab. Im Folgenden sind einige wesentliche Merkmale dieses besonderen Beziehungstyps aufgelistet. Wir konzentrieren uns dabei auf Freundschaftsbeziehungen, da diese einheitlicher und greifbarer sind als Peerbeziehungen, die ein größeres Spektrum an z. T. recht unterschiedlichen Beziehungen abdecken (s. o.). Einige zentrale Merkmale von Freundschaften sind (u. a. Grunert & Krüger, 2020):
- Gegenseitige Zuwendung, Anerkennung, Hilfe, Verlässlichkeit, Vertrauen und Intimität (etwas weniger als in der Familie, mehr als zu Lehrkräften)
- Symmetrische Beziehungen (weniger Hierarchien als in der Familie oder zu Lehrkräften)
- Multiplexität der Beziehung: Interaktion und Kommunikation findet nicht nur in einem bestimmten Rollenkontext wie z. B. im Schulbereich oder in einem Hobby statt; stattdessen wird die Person in ihrer Gesamtheit, also in allen Lebensbereichen, adressiert (etwas weniger als in der Familie, mehr als z. B. zu Lehrkräften)
- „Gegenentwurf/Konkurrenz/Rückzug zu Familie“: Freundschaften bedeuten auch einen eigenen Lebensbereich für sich, abgegrenzt von Familie und z. T. auch Schule. In diesem gibt es wenig „daily hazzles“, also kleine Ärgernisse im Alltag (wie z. B. den Schlüssel zu vergessen, rote Ampeln), sogenannte Mikrostressoren
- Gefahr von zu starker Integration: Dies äußerst sich in Cliquenbildung mit erhöhtem Risikoverhalten (Konsum von Drogen, Zigaretten, Alkohol etc.), mit negativen Auswirkungen für Entwicklungsprozesse
- Vermittlung von Werten/ Orientierungen: Freundschaften bieten auch die Möglichkeit, andere Weltzugänge, Einstellungen und Entscheidungsverhalten kennenzulernen. Sie liefern daher auch Vorbilder.
- Hohe Personengebundenheit: Freunde sind nicht beliebig oder austauschbar; gleichzeitig ist aber auch ein Zurückziehen möglich (von der temporären Reduktion des Kontaktes bis hin zur Aufkündigung der Freundschaftsbeziehung); dies ist ein Unterschied zu Familie und Schule)
- Offenere Kommunikationsstrukturen: keine Hierarchien, eigene Interessen können und müssen frei artikuliert werden (mehr als in der Familie oder bei Lehrkräften)
- Zentraler Bezugspunkt für Identitätsarbeit :Ansichten und Verhaltensweisen können ausgetestet werden mit direktem Feedback der Freunde/Peers
Gruppen- und Cliquenbildung
Insbesondere für die Jugendphase ist auch die Auffaserung des Beziehungsgefüges in Gruppen bzw. Cliquen charakteristisch. Etwa zwei von drei Jugendlichen sind in Cliquen eingebunden (Hoffmann, 2020). Diese bezeichnen einen Freundschaftskreis, der sich als miteinander verbunden versteht und enge Kontakte untereinander pflegt. Ihre Mitglieder geben sich gegenseitig Hilfe, Unterstützung und soziale Sicherheit. Jugendlichen können sich so nach ähnlichen Werten und Interessen zusammentun, gleich- und gegengeschlechtliche Freundschaften ausbilden und sich einem Gruppengefüge zugehörig fühlen (Eschenbeck & Lohhaus, 2022). Im Vergleich zu dyadischen Freundschaften sind die emotionalen Bindungen allerdings meist nicht so eng und deshalb auch zeitlich nicht so stabil. Bei internen Konflikten können Cliquen sich auch umstrukturieren, Angehörige ausschließen oder sich sogar wieder auflösen. Erfahrungen sozialer Zurückweisung und Isolation sind dabei sehr einschneidend und für die kindliche Entwicklung hoch problematisch (Opp, 2018). Denn Kinder brauchen positive Beziehungen zu Peers, sind in ihrer Entwicklung auf sie angewiesen. Cliquen können auch gefährliche Dynamiken und Risiken für Kinder und Jugendlichen bereithalten, wenn sie eine ungünstige Bezugsgruppe darstellen, die zu riskantem und deviantem Verhalten verleiten. Bekannt sind u. a. Problematiken mit riskanten und devianten Verhaltensweisen, Suchmittelkonsum, (Schul-)Verweigerung, Bandenbildung sowie Gewalt (Baumann, 2012; Hoffmann, 2020; Sanders et al., 2017).
Kommentar: Vor- und Nachteile von Gruppenbildung
Vor- und Nachteile von Gruppenbildung finden Sie anhand von prägnanten Zitaten von Schüler*innen und Beobachter*innen unter folgendem Link der Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/lernen/angebote/grafstat/klassencheckup/46344/m-02-11-chancen-und-risiken-von-peer-groups/
Unabhängig von den Vor- und Nachteilen von Gruppenzugehörigkeiten lässt sich festhalten, dass nicht alle Jugendlichen in Cliquen organisiert sind. Es gibt auch kaum Informationen darüber, bei wie vielen Jugendlichen dieser Zustand selbstgewählt ist und wie hoch der Anteil derjenigen ist, die unfreiwillig keinen sozialen Anschluss finden konnten.
Kommentar: Wissen von Lehrkräften über Gruppenkonstellationen von Schüler*innen
Was denken Sie: Haben Lehrkräfte einen guten Überblick über die Beziehungsstrukturen innerhalb einer Klasse?
Studienergebnisse zeigen, dass lediglich etwa eine von drei Lehrkräften an Sekundarschulen die Beziehungsstrukturen in den Klassen entsprechend der Angaben der Schülerinnen und Schüler korrekt einschätzen kann. Bei Grundschullehrkräften ist die Einschätzung immerhin etwas besser, aber auch sehr unvollständig (Harring & Peitz, 2022). Cliquenbildung und Peerkultur im Allgemeinen bilden also eine Welt, die Lehrkräften häufig verborgen bleibt. Diese Distanz von Peer-Konstellationen macht es Lehrkräften schwierig, soziale Dynamiken zu erkennen, zu verstehen und in einen Kontext zu setzen. Das kann z. B. dann offensichtlich werden, wenn eine Lehrkraft bei kooperativen Lernformen unwissentlich ungünstige Gruppenkonstellationen vorgibt. Und auch zwischenmenschliche Konflikte in der Klasse, Mobbingprozesse usw. können häufig nur dann korrekt verstanden und begegnet werden, wenn Lehrkräfte Einsicht in die Beziehungen zwischen den Schüler*innen haben.
Entwicklungspsychologische Bedeutung der Kontexte Familie und Peers
In der Entwicklungspsychologie geht man davon aus, dass Kinder und Jugendliche bestimmte altersspezifische Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen, um persönliches Wachstum zu fördern und auf das Erwachsenenleben in der Gesellschaft vorzubereiten. Zu diesen Entwicklungsaufgaben zählen z. B.:
- Sich selbst als Person bewusst zu werden (z. B. die eigenen Stärken und Schwächen erkennen, Unterschiede in der Eigen- und Fremdwahrnehmung erkennen und verarbeiten)
- Konstruktion einer eigenen Identität
- Aufbau und Pflege von Kontakten zu Gleichaltrigen
- Knüpfen, Halten und Vertiefen von Freundschaften
- Erlernen von Regeln des sozialen Miteinanders
- Erlangung einer gewissen Eigenständigkeit, auch im Hinblick auf das Treffen von eigenen Entscheidungen
- Entwicklung einer beruflichen Orientierung
- …
Freundschaften, Cliquen sowie Peers im Allgemeinen bieten einen elementar wichtigen Raum dafür, zumindest Teile dieser Entwicklungsaufgaben zu absolvieren. Sie stellen damit eine zentrale Sozialisationsinstanz dar. Entwicklung findet aber natürlich nicht nur in Peerzusammenhängen, sondern auch in anderen Kontexten wie z. B. der Familie, im Freizeitbereich oder im Umgang mit Medien statt. Eltern, weitere Familienmitglieder, Leiter*innen von Sport- oder Musikgruppen etc. geben, ähnlich wie Freunde bzw. Peers, jeweils eine ganze eigene Rückmeldung auf das Verhalten und die erworbenen Kompetenzen von Heranwachsenden. Sie merken z. B. an und leben vor, was in einer bestimmten Situation ein angemessenes Verhalten ist und ob man diesen Erwartungen entspricht. Gerade diese Vielfalt an unterschiedlichen Rückmeldungen ist für das Individuum wichtig, um sich selbst und den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Es ist für Kinder und Jugendliche ein Nebeneinander unterschiedlicher Kontexte notwendig, um ein breites Spektrum an Erfahrungen zu sammeln, Herausforderungen zu begegnen und Kompetenzen auszubilden. Fokussiert man sich dagegen einseitig auf nur eine Gruppe von Kontakten (bzw. einen Beziehungskontext; z. B. Freund*innen) und vernachlässigt die anderen, ist das riskant (Fend, 2005).
Ausführen lässt sich dies am Beispiel der Kontexte von Peers und Familie. Beide Bereiche üben auf ganz unterschiedliche Art und Weise einen Sozialisationseinfluss auf Heranwachsende aus – und sind deshalb beide auf ihre Weise wichtig. Peers dienen stärker als alltägliche Verhaltensvorbilder im Freizeit-, Medien- und Unterhaltungsbereich. Sie sind Freizeit- und Stilberater. Auch für die alltägliche Identitätsarbeit liefern sie mit ihrem Feedback auf Verhaltensweisen, Ansichten usw. zentrale Impulse (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Eltern hingegen wird ein größeres Gewicht im Bereich der Bildungs-, Berufs- und Zukunftsorientierung zugesprochen. Sie sind eine wichtige Beratungsinstanz für Bildungs- und Karriereentscheidungen und bieten Orientierung, Hilfe und Unterstützung für unterschiedliche Lebensentwürfe bzw. -pläne. Zudem spannen sie ein Auffangnetz in schwierigen Phasen. Bei emotionalen Problemen können sich Heranwachsende hierher zurückziehen und Trost, Zuwendung und Unterstützung finden. Beide Kontexte setzen also gewissermaßen unterschiedliche Sozialisationsschwerunkte. Diese ergänzen sich bei der Mehrheit der Jugendlichen allerdings eher, als dass sie einander widersprechen (Grundmann, 2006).
Kombinationen von Familien- und Gleichaltrigenorientierung
Blickt man auf Familie und Peers als zwei elementare Sozialisationsinstanzen und die Frage, wie stark sich die Heranwachsenden ihnen zuwenden, ergeben sich vier grundlegende Kombinationsmöglichkeiten bzw. Orientierungen (Fend, 2005). Diese sind in der folgenden Grafik schematisch abgebildet:
Abbildung: Vierfelderschema der Kombination von Familien- und Gleichaltrigenorientierung (Fend, 2005)
Diese vier Typen sind indes stark vereinfachende Modelle und beschreiben klar abgrenzbare Einordnungen. Die Realität ist selbstverständlich komplexer. Kinder und Jugendliche können z. B. auch eher mittelstarke Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen ausbilden, die sich weniger eindeutig einem Typ zuordnen lassen. Zudem kann sich die soziale Orientierung auch über die Zeit verändern, denn das Verhältnis zu den eigenen Eltern wie auch das zu den Peers unterliegt (z. T. auch größeren) Schwankungen.
Kommentar:
Besonders bei Peerbeziehungen ist in jungen Jahren sehr viel in Bewegung. Ein Übergang in eine neue Schule/Klasse, Eintritte in Gruppen/Vereine oder auch ein Wohnortwechsel können die soziale Eingliederung immer wieder verändern. Sie stellen für die Heranwachsenden eine Herausforderung dar. Wechselnde Freundschaftsnetzwerke können wiederum auch die Elternbeziehung selbst beeinflussen – und umgekehrt können auch Schwankungen in der Beziehung zu den Eltern auf Auswahl und Qualität der Freundschaftsbeziehungen zurückwirken.
Das alles bedeutet auch, dass Heranwachsende nicht unbedingt immer durchgehend in einem Orientierungstyp verhaftet sind. Z. B. kann eine vormalig starke Familienorientierung im Laufe der Schulzeit durch eine verbesserte Peer Group Einbindung in einem eher integrierten oder auch jugendorientierten Typ münden. Diese Einteilung liefert daher nur einen eher groben Ansatzpunkt, allgemeine Orientierungsmuster aufzuzeigen und Folgen für die psychosoziale Entwicklung der Schüler*innen abzuleiten.
Wiederholungsfragen:
- Definieren sie den Begriff „Peers“
- Nennen Sie fünf zentrale Kennzeichen von Freundes- bzw. Peerbeziehungen und grenzen Sie diese von anderen Beziehungskonstellationen ab.
- Was kennzeichnet Cliquen? Welche Chancen und Risiken bieten sie für Kinder und Jugendliche?
- Inwiefern übernehmen Freunde/Peers und die Familie verschiedene Sozialisationsaufgaben für das Individuum?
- Beschreiben Sie die vier Typen zur Familien- und Gleichaltrigenorientierung nach Fend (2005).
Literatur
Albert, M., Hurrelmann, K., Quenzel, G., & Kantar. (2019). Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. 18. Shell-Jugendstudie. Weinheim: Beltz.
Baumann, M. (2012). Der Sog der Straße – Scheiternde Bildungsverläufe und gewaltförmige
Breidenstein, G. (2021). Peer-Interaktion und Peer-Kultur im Kontext von Schule. In: T. Hascher, T.-S. Idel, & W. Helsper (Hrsg.). Handbuch Schulforschung. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-24734-8_64-1
Brosch, & Opp, G. (2011). Positive Peerkultur – ein Konzept zur Umsetzung von praktischen Empowermentkonzepten. In: W. Kulig, K. Schirbort & M. Schubert (Hrsg.), Empowerment behinderter Menschen. Theorien, Konzepte, Best-Practice (S. 119-128). Stuttgart: Kohlhammer.
Eschenbeck, H., & Lohaus, A. (2022). Bedeutung von Peerbeziehungen im Zusammenhang mit der Entwicklung von Gesundheit und Wohlbefinden von Jugendlichen. In: A. Heinen, R. Samuel, C. Vögele, H. Willems (Hrsg.), Wohlbefinden und Gesundheit im Jugendalter (S. 101-128). Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-35744-3_6
Fend, H. (2005). Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Ein Lehrbuch für pädagogische und psychologische Berufe. Opladen: Leske und Budrich.
Grunert, C., & Krüger, H.-H. (2020). Peerbeziehungen. In: P. Bollweg, J. Buchna, T. Coelen, H.-U. Otto (Hrsg.), Handbuch Ganztagsbildung (S. 701-714). Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-23230-6
Grundmann, M. (2006). Sozialisation. Skizze einer allgemeinen Theorie. Konstanz: UVK Verlag.
Hoffmann, N. F. (2020). Peergroups im Kindes- und Jugendalter. In: Krüger, H.-H., Gruner, C., Ludwig, K. (Hrsg.), Handbuch Kindheits- und Jugendforschung (S. 1-30). Springer VS: Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-24801-7_31-1
Hurrelmann, K. & Quenzel, G. (2013). Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die Sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim: Beltz Juventa.
Opp, G. (2018). Möglichkeiten zur Stärkung von Kindern und ihren Partizipationsmöglichkeiten – ein Überblick aus pädagogischer Sicht In verantwortlichen Händen. In: A. Käfer & H. Theißen (Hrsg.), In verantwortlichen Händen. Unmündigkeit als Herausforderung für Gerechtigkeitsethik (S. 145-160). Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie, Band 55. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt GmbH.
Sanders, J., Munford, R., Liebenberg, L. & Ungar, M. (2017). Peer paradox: The tensions that peer relationships raise for vulnerable youth. Child & Family Social Work, 22(1), 3–14.
Kommentar:
Gleichzeitig findet es jedes vierte Kind nicht so einfach, in der Schulklasse Kontakte zu knüpfen. Dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche aus unteren sozialen Schichten (Grunert & Krüger, 2020). Sie wachsen oft mit multiplen Problemlagen auf und haben relativ betrachtet häufiger unsichere Bindungsstile.